Liebe Leserin, lieber Leser!

Es gibt viele Tränenarten: sichtbare und unsichtbare Tränen, echte und falsche Tränen, Freudentränen und Trauertränen; Tränen des Zorns, der Angst, der Furcht, der Verzweiflung, des Allein- und Verlassenseins.

Wir können im Sumpf unserer Selbst-Mitleidstränen stecken bleiben oder ertrinken. Tränen können aber auch befreiend sein: Sie können einen Schmerz, der sich sonst im Herzen festsetzt, nach außen fließen lassen, und sie können sonst unerträgliche Trauerschmerzen nach außen spülen. Sie sind Sprache unserer Seele, unseres Leibes und unseres Geistes. Sie erleichtern, entlasten und reinigen uns.

Wer je von Ihnen erlebt hat, überhaupt nicht weinen zu können, weiß, wie "dröge" es ist, tränenlos zu sein: Ich erstarre, bin blockiert und gelähmt: Wie ein Boden, der nach langer Dürre ausgetrocknet ist und viele, viele Risse hat. So zerreißt es mich, wenn ich nicht weinen kann.

"Gib mir die Gabe der Tränen. Gott. gib mir die Gabe der Sprache, gib mir das Wasser des Lebens" heißt es in einem Gedicht von Dorothee Sölle.

Wer die "Gabe der Tränen" geschenkt bekommt, kann wieder neu in den eigenen Lebensfluss kommen.
Wer Tränen der Trauer weint, kann die Gabe des Trostes dazu geschenkt bekommen: Wenn ich weine, sehen und spüren andere, dass ich traurig bin. Sie können mir sagen: "Ich sehe deine Tränen". Und sie können mir die Hände auflegen oder mich in den Arm nehmen.

"So ergießt die Zerknirschung des Herzens in einem erschütterten Menschen ihre Tränen vor Gott aus. um wieder im Weinen innezuhalten, wenn diese Erschütterung abgeklungen ist."
So spricht Hildegard von Bingen vom Rhythmus der Seele.

"Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde!" Das Erste ist vergangen. Es kommt für uns noch etwas ganz anderes als all das, was wir kennen. Da spielen Leid, Geschrei und Schmerz keine Rolle mehr. Unser Monatsspruch stammt aus einer großartigen Vision, die über die Grenzen unseres Lebens "hinwegsieht. Nicht als Vertröstung, sondern als Trost.
Dieser "neue Himmel" mit seiner "Quelle lebendigen Wassers" ragt in einigen kostbaren Augenblicken mitten hinein in unser Leben auf der "alten Erde", mit all dem, was uns hier schmerzt oder plagt. Und er ruft in uns den Raum der Freude wach. Die Freude ist eine Schwester der Trauer. Ihre Tränen, ihre Freudentränen lassen uns ganz gelöst sein. Sie geben uns einen Vorgeschmack dessen, was wir als "Erlösung" erhoffen.

Susanne Behnke


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