Liebe Leserinnen und Leser!

Ich erinnere mich an Kindertage, an die verschlossene Wohnzimmertür einmal im Jahr, Heiligabend. Nie war sonst etwas in unserer Wohnung vor mir verschlossen. Ich pendele von der Küche zum Flur, in mein Zimmer, das Haus wirkt mit einem Mal ganz eng auf mich. Von außen betrachtet, ist die Gardine zu dicht, um etwas im Vorhinein zu erblicken. Das Schlüsselloch gibt nicht den ganzen Raum wieder. Die Stunden werden so lang wie sonst nie. Warten, bis die Tür aufgeht, der Weihnachtsbaum erstrahlt und mein Vater auf dem Klavier spielt "Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all, zur Krippe herkommet in Bethlehems Stall"

Auch heute fällt mir das Warten noch schwer, warten auf Ämtern, am Bahnhof, im Stau, auf den ärztlichen Untersuchungsbericht, auf die große Wende in der Weltpolitik, auf ein Ende der Gewalt. Warten wird zur Wüstensituation.

In solcher Situation des Wartens in der Wüste befindet sich auch das Volk Israel, als Jesajas Wort an es ergeht. Israel wartet darauf, dass Gott kommt und "vergilt" und Israel helfen wird. Und je länger das Warten dauert, um so schwerer wird es, um so größer die Enttäuschung, wenn sich wieder nichts getan hat, um so weniger die Hoffnung. Da hinein trifft die Zusage des Monatsspruchs Dezember: "Saget den verzagten Herzen: Seid getrost, fürchtet euch nicht! seht, da ist euer Gott!"

Ein Warten, bei dem das Ziel noch nicht klar ist, lässt Fragen und Zweifel aufkommen. Sind alle Worte nur Vertröstung für verzagte Herzen? Doch Gottes Verheißung ist mehr als Vertröstung, weil Menschen sie in ihrem Leben erfahren dürfen. Weil Gott schon auf dem Weg ist, bevor wir es erkennen, sagt er sich uns zu. Und wie dürfen ihn erfahren. "Deshalb stärkt die müden Herzen und macht fest die wankenden Knie. Saget den verzagten Herzen: Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott. Er kommt und wird euch helfen!"

Wenn wir diese Zusage in unserem Leben erfahren dürfen, aber das Ziel noch nicht kennen, sind nicht alle Fragen beantwortet und nicht alle Tränen abgewischt, aber wir dürfen in unserem Warten in der neuen Perspektive des Trostes gewiss sein.

Das Warten am Heiligabend ist einfacher, weil wir das Ziel klarer vor Augen haben: Die Tür öffnet sich. In den Lichtern des Weihnachtsbaumes strahlt auch die kleine selbst gebastelte Familienkrippe. Maria mit dem Kind, Joseph, die Tiere und die Hirtenlassen die Weihnachtgeschichte im Bild lebendig werden. Aber in unserem Leben geschieht doch viel mehr als solche Festtagsromantik. Es geschieht, soviel ein Leben fasst, auch viel Unheil im Großen und Kleinen. Kinderträume allein haben nicht mehr die Kraft, uns zu verzaubern. Aber die Weihnachtsstube ist ja mehr als ein Kindertraum. Gott wird Mensch, es möchte doch ein besonderes Kind in uns zum Leben kommen und uns bei Fragen und Zweifeln Begleiter sein. Dass uns ein neuer Anfang gelingt, diesem Kind Raum auch in unserem Leben zu geben, das wünsche ich uns.

Eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit und ein friedvolles neues Jahr 2003.

Ihre Elke Marx


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