Die Heiligen Drei Könige und der Engel, der ihnen im Traum begegnet. Das Relief befindet sich in der romanischen St. Lazare Kirche von Autun im Herzen Burgunds.
Ich bin immer wieder neu beeindruckt, wie es dem Künstler Gislebertus im 12. Jahrhundert gelungen ist, eine solch zärtliche Szene in Stein darzustellen. In hartem Stein hat er weiche menschliche und himmlische Züge festgehalten, die nun schon Jahrhunderte überdauert haben.
Die drei Könige und der Engel - er kommt im Traum der Könige (Matth.2,1-12) gar nicht vor - als Symbol für Gottes Nähe. Der Engel ist von Gott gesandt aus einer uns unzugänglichen Welt und doch mitten hinein in unsere Wirklichkeit. Die untere Linie des Flügels nämlich wird vom Arm des Engels weitergeführt bis in die Bildmitte, in die Mitte unserer Welt. Dort in der Mitte berühren sich Himmel und Erde.
Dort gilt es genau hinzuschauen, denn sanft wie ein Hauch huscht der Zeigefinger des Engels über den kleinen Finger der Menschenhand - sanft wie ein Hauch. So sanft, fast unauffällig berührt Gott die Menschen. So sanft, dass wir immer wieder in der Gefahr stehen, Gottes Berührung nicht zu merken. Ich wünsche, dass es uns so geht wie dem König. Der so zart Berührte spürt die Begegnung mit Gott, ist wach geworden und hat die Augen offen.
Mit der linken Hand deutet der Engel auf den Stern. Die Strahlen des Sternes sind nicht gleichmäßig starr, sondern unregelmäßig lebendig. Der Engel zeigt auf den Stern, als wollte er sagen: "Pst, passt auf! So wie ihr damals diesem Stern nach Bethlehem gefolgt seid, so folgt ihm jetzt wieder. Nehmt den Weg, den euer Stern euch zeigen wird."
Wäre das schön, wenn wir die sanften und sachten Zeichen Gottes in unserem Leben wahrnehmen und so aufmerksam und wach sein würden, dass wir ihnen folgen. Das wäre gut: Für uns und für die Welt.
Ich wünsche uns, dass wir die Augenblicke wahrnehmen, erleben und zulassen können, die Augenblicke, in denen wir berührt werden. Nicht immer gleich alles wissen und lauthals darüber reden, sondern stille sein, offen und aufmerksam sein für Berührungen - vielleicht von einem Menschen, vielleicht sogar von Gott.

H.-F. Reymann


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