Der Herbst ist nicht nur golden und bunt, erfüllt von letzten warmen Sonnenstrahlen. Der Herbst ist auch eine Zeit der Stürme und der zunehmenden Dunkelheit, der Übergang zum Winter. Der Herbst macht anfällig für Schwermut, er ist auch eine Übergangszeit für das Herz.

Einerseits blühen noch die Blumen im Garten - vor meinem Fenster die Rosen - und in den Bäumen hängen reife Früchte - auf der Gemeindewiese Bäume voller süßer Pflaumen. Am Mittag scheint die Sonne noch warm und ein mildes Licht liegt über unserer Stadt. Andererseits ziehen vom Kanal Nebelschwaden durch die Schrebergärten. Die Blätter werden bunt und bald, in wenigen Wochen nur, sind die Bäume kahl. Viele sehen die Sonne dann nur noch am Wochenende; morgens nämlich, wenn sie zur Arbeit gehen, ist es noch dunkel und nachmittags, wenn sie von der Arbeit kommen, wird es wieder dunkel sein.

Vor dem Fenster meines Arbeitszimmers steht eine Birke. Auch ihre Blätter sind schon gelb und viele fallen schon zur Erde.

Das ist ein Gleichnis für das eigene Leben, das mein Herz berührt. Aber gleichen wir mehr dem Baum oder den Blättern? Gleichen wir den Blättern, die fallen und verwesen, dann wird im nächsten Frühjahr nichts mehr von uns da sein.

Gleichen wir dem Baum, dann ist der Herbst eine gute Zeit. Der Baum wirft seine Blätter ab wie ein abgetragenes Kleid. Er zieht die Lebenskräfte zurück, sammelt sie in den Wurzeln und schlägt im Frühjahr neu aus. Er sammelt neue Kraft aus dem Boden, der Kraft durch die verwesenden Blätter bekommt, die im Herbst auf ihn gefallen sind. Ein Baum braucht solche Zeiten, in denen er nicht blüht und Früchte bringt. Der Baum muss neue Kräfte sammeln und in sich gehen, ehe er wieder ausschlagen kann.

Wie auf das Jahr abgestimmt sind unsere Gedenk- und Festtage: Bußtag und der Totensonntag im späten Herbst. Aber gleich danach ist schon der erste Advent, ein erster Vorbote des in die Dunkelheit brechenden Lichtes am Heiligen Abend. Nach Weihnachten werden die Tage wieder länger. Im Frühling dann feiern wir den Sieg des Lebens über den Tod, feiern wir die Auferstehung Jesu Christi.

Jetzt aber kommen erst mal der Herbst und die dunkle Winterzeit - Zeit zum Sammeln, Zeit in sich zu gehen und Kraft zu sammeln. Und wenn es auch dunkel sein wird, so ist es eine Zeit, in der wir Hoffnungstage erleben; Tage, an denen wir neues Leben schon jetzt feiern.

Herzlich grüßt Sie
Hans-Friedrich Reymann

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