Es geht um das Leiden Jesu. Es fing an in der Krippe und endete am Kreuz. Dieser Leidensweg war so eindrücklich, dass die Anhänger des Jesus von Nazareth später eine besondere Zeit im Jahr dem Gedenken an die Passion widmeten, die sieben Wochen der Passionszeit von Aschermittwoch bis Karfreitag. Wie begeht man diese Zeit richtig? Die Antwort hängt ab von der Frage, was der Sinn des Leidens und Sterbens Jesu war. Warum hat er das alles auf sich genommen? Er ließ sich beschimpfen, schlagen, foltern, töten. Und: Warum hat man ihm das angetan? Was machte Menschen seiner Zeit so aggressiv?

Es hängt mit seinem Auftrag zusammen. Wenn da einer kommt und behauptet, er spreche im Namen Gottes. Er bringe den Frieden mit Gott, und das nicht nur für wenige besonders Gute, hervorragend Qualifizierte, extrem Fromme, sondern für alle. Wenn der auch noch danach lebt, also auch die Elenden anspricht, Gemeinschaft hält mit den Ausgestoßenen, z.B. den Leprakranken, aber auch mit moralisch Aussätzigen, wenn einer an den etablierten Regeln seiner Gesellschaft rüttelt, indem er nach deren Sinn fragt, und wenn er dann einen neuen Sinn des Lebens anbietet, - dann muss man ihm entweder folgen oder ihn verfolgen. Jesus blieb seiner Botschaft treu und litt und starb für deren Glaubwürdigkeit - wehrlos und wirksam zugleich. Und Gott bestätigte ihn durch die Auferweckung.

Daran denken wir nun. Wie man die Passionszeit richtig begeht? Da Evangelium "frohe Botschaft" heißt, da Jesus uns zu gut gelitten hat, dürfen wir aus der Passionszeit keine triste, keine schlechte Zeit machen. In der Bergpredigt steht der Satz Jesu: "Wenn ihr fastet, wollt ihr nicht sauer drein sehen wie die Heuchler; denn sie verstellen ihr Gesicht." Da wir wissen, dass alle Jahre wieder auf Karfreitag Ostern folgt, können wir nicht so tun, als ob jetzt die Welt unterginge und eine Leidensmine aufsetzen. Da wir glauben dürfen, dass Jesu Treue genug ist für unseren Frieden mit Gott, wäre es töricht zu meinen, wir müssten sein Leiden ergänzen durch gespieltes eigenes Leiden. Dass Menschen Kreuze durch die Via Dolorosa, die Leidensstraße in Jerusalem, schleppen, als hätte er nicht genug getan, halte ich für eine nachträgliche Beleidigung Jesu.

Aber wer ernsthaft bedenkt, was die Passion Jesu gekostet hat, wird still werden für dieses Meditieren. Und darum finden wir es richtig, dass Gesetze unsere stille Zeit schützen. Doch bewahrt uns das bestenfalls nur vor den groben Spaßvögeln der Unterhaltungsindustrie. Ansonsten muss es als unsere eigene Lebensregel erkennbar und glaubwürdig sein, wenn wir Respekt erwarten wollen. Aus solcher Stille kann sich Kraft entwickeln, Kraft, eigenes Leiden auszuhalten, oder Kraft zum Widerstand.

So haben auch die schwarzen Sklaven in Nordamerika aus dem Glauben Kraft erhalten und ihre Spirituals gesungen. Und auch wir glauben, dass Jesu Passion Trost bringt und neuen Mut, weil sie uns neue Maßstäbe gibt. Sein Leidensweg zeigt uns, was Gottes Wille ist.

Und so können auch wir in der Passionszeit singen:

"Schweigen müssen nun die Feinde vor dem Sieg von Golgatha. Die begnadigte Gemeinde sagt zu Christi Wegen: Ja! Ja, wir danken deinen Schmerzen; ja, wir preisen deine Treu; Ja, wir dienen dir von Herzen; ja, du machst einst alles neu."
(Friedrich von Bodelschwingh, EG 93,4)

Pastor i.R. Isermann

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