Wer hat das nicht schon mal gesehen: An der Brücke, die über eine stark befahrene Straße führt; an der Hauswand, die besonders gut im Blickfeld steht; oder hier an dem Müllcontainer.

Liebe will raus! Entweder mit Worten oder mit Taten oder mit beidem.

Heute ist die Spraydose ein - allerdings nicht bei Hausbesitzern! - beliebtes Mittel, Liebe zu bekennen. An allen möglichen Orten.

Hauptsache: Auffällig und ungewöhnlich.

Liebe ist Leidenschaft, die sich bekennen will.

In der Bibel wird von so einer großen Leidenschaft erzählt (Markus 14,3-9): Als Jesus mit anderen zu Tisch sitzt, kommt eine Frau und salbt sein Haupt mit kostbarem Öl. Einige am Tisch beginnen sofort mit der Aufrechnung, dass man dieses Geld doch hätte besser den Armen geben können. Jesus aber, wirklich ein Freund der Armen und völlig außerhalb des Verdachtes, Kostbarkeiten für sich haben zu wollen - Jesus rückt die Maßstäbe zurecht: Lasst sie zufrieden! Sie will mir doch nur ihre Liebe zeigen.

Auch heute gibt es Krämerseelen, die Liebe zu einer nüchternen Rechnung herunter reden: Ob sich der Aufwand lohnt oder ob die Rosen, die doch sowieso verwelken, nicht zu teuer sind. Es gibt noch genug Menschen, die vorrechnen, was die Säuberung des Müllcontainers kostet. Natürlich haben sie Recht: Es kostet was.

Aber Liebe darf nicht rechnen, sonst wird sie zum Geschäft - und das treibt der Welt die Seele aus. Leben nämlich tun wir von dem, was unverrechenbar ist: Von Güte und Barmherzigkeit und allererst und allermeist von Liebe.

Hans-Friedrich Reymann

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