Die älteste Darstellung der Kreuzigung befindet sich im Palatin von Rom. Sie ist entstanden um 200 n. Chr. und wird in keiner Kunstgeschichte erwähnt. Kein Kunstwerk, auch kein Glaubenszeugnis. Ganz im Gegenteil: Christlicher Glaube soll durch dieses Bild verspottet werden.
Ein Esel am Kreuz, daneben ein Mann, der diesen Esel anbetet und dazu der Satz in griechischen Großbuchstaben: 'Alexamenos betet seinen Gott an'. Das Gelächter kann ich regelrecht hören: Wie kann man nur so dumm sein! Einen anbeten, der am Kreuz hängt?! Was für eine Eselei!
Mittlerweile ist das Christentum salonfähig geworden. Ganze Bibliotheken sind mit theologischen Büchern bereichert; unsere Bischöfin ist willkommener Gast in vielen Talkshows - aber was damals am Kreuz passiert ist, diese merkwürdige Verkehrung unseres Denkens, diese Torheit: Sie lässt sich nicht erklären, ist nach wie vor eine Frage.

Viele künstlerische Formen hat das Kreuz im Laufe der Jahrhunderte angenommen: Es prangt auf Altären, auf Grabmalen und Kirchendächern. Es wird in Gold und Silber als Schmuckstück am Hals getragen. Aber wenn wir darüber nachdenken: Es ist nach wie vor fremd, dass Gott, der Allmächtige und Höchste am Kreuz hängt. Doch christliche Erziehung oder das Nachsprechen von vermeintlichen Glaubenswahrheiten machen, dass wir das Befremdliche gar nicht mehr so richtig wahrnehmen.

An einer geläufigen Redensart merken wir, was für eine ärgerliche Eselei uns im Kreuz Jesu begegnet. Wir sagen: 'So dumm bin ich nicht!' und meinen damit: Ich will mich nicht ausnutzen lassen. Ich will nicht für die Fehler anderer geradestehen. Ich will nicht klein beigeben. Ich will nicht meine Rechtsposition aufgeben. Ich will nicht für die Schuld eines Anderen aufkommen, nicht auf mein Glück verzichten, nicht mein Leben riskieren - nein, so dumm bin ich nicht!
Solche Gedanken weisen wir als unzumutbare Dummheit von uns. Aber es geht ja nicht um mehr oder weniger Intelligenz, sondern es geht darum, welche Einstellung zum Leben wir haben; welche Maßstäbe in unserem Leben Geltung haben: Eigenvorteil oder Anspruchshaltung, Rechenschaft fordern oder gerade stehen müssen?

Der Mann am Kreuz hat uns anderes vorgelebt. Mag sein, dass andere das als Dummheit disqualifizieren. Aber immer wieder spüren wir: Wir können gar nicht leben ohne die Liebe, die uns von ändern geschenkt wird. Und manches Mal kann sich Liebe auch darin zeigen, dass Menschen um unser willen nachgeben oder Recht aufgeben oder zu Opfern bereit sind. Dann sind wir dankbar, wenn auch heute Menschen etwas von dem tun, was der Mann am Kreuz getan hat.

Hans-Friedrich Reymann

Seitenanfang