Erntedank

Erntedankfest - romantisches Überbleibsel einer vergangenen Welt? Als am Seegershof noch ein Bauer wohnte; als jenseits des Lister Kirchwegs noch Felder waren; als viele von uns noch auf dem Lande lebten? Industrieprodukte hat man mancherorts auf die Altäre gelegt: Kurbelwellen, Chemiefasern, Elektrogeräte – werden nicht durch solch „Ernten“ Wohlstand und Ernährung ebenso gesichert, wie durch Feldfrüchte? Sicherlich ein Denkanstoß.

Und doch: Wir alle sind in den Rhythmus von Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht, Saat und Ernte eingebunden; in einen Lebensrhythmus, der nicht das Ergebnis unserer Mühen, sondern von Gott geschenkt ist. Wenn nach alptraumhafter Nacht ein neuer Tag kommt; wenn durch Katastrophen hindurch Bäume blühen; wenn Menschen Leben spüren.

Blühen, Reifen, Ernten – dieser Rhythmus trägt und lässt sich auf Dauer nicht verändern: Die Nacht zum Tage machen; das Ruhebedürfnis durch Robotertum ersetzen; Wachstum im Schnellverfahren – das wird auf Dauer nicht gehen. Gott sei Dank! Zeit zum Reifen brauchen nicht nur die Früchte, sondern auch wir.

In seinen „Geschichten vom Herrn Keuner“ erzählt Bert Brecht: „Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: ,Sie haben sich gar nicht verändert.’ ,Oh!’, sagte Herr K. und erbleichte.“ Er wird blass und erschrickt, weil er sich nicht verändert haben soll; nicht verändert durch Freude oder manche Traurigkeiten; nicht verändert durch reiche Erlebnisse.

Können wir „Erntedankfest“ feiern?

Ich wünsche Ihnen und mir, dass wir reifer geworden sind durch mancherlei Erkenntnis, dass wir schöner geworden sind durch mancherlei Freude, dass wir tiefer geworden sind durch mancherlei Traurigkeiten.

Ihr Hans-Friedrich Reymann

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