Alle machen sich auf. Es gibt einen Empfang beim König. Da wollen sie dabei sein. „Auf zum Schloss“. Einmal im Jahr lädt er ein. Alles ist festlich geschmückt und beleuchtet. Aber dieses Schloss liegt auf einer Insel. Nur über eine alte, fast vermoderte Zugbrücke kann man hingelangen. Ein zerlumpter Mann lässt für jeden die Brücke herunter, fasst jeden an die Hand und geleitet alle sicher zum Palast.

Die meisten sind in Gedanken. Ganz bei dem, was sie normalerweise zu erledigen haben. Einer kümmert sich um die Ärmsten der Armen, ein anderer müsste eigentlich im Krankenhaus sein. Ein Pastor geht seinen weihnachtlichen Predigtgedanken nach und ein Lehrer ist beruhigt, dass keine Kinder über diese gefährliche Brücke müssen. Noch viele andere kommen. Manche fragen sich, ob man nicht etwas für diesen abgerissenen Mann an der Brücke tun sollte. Aber dann ist der festliche Empfang doch wichtiger: Einmal im Jahr, beim König!

Schließlich kommt noch ein Kind. In gelben Gummistiefeln und einem Nachthemd, das unter dem Wintermantel hervorlugt. „Ich möchte den König sehen. Man sagt, es ist ein Kinderfest.“ Aber es ist zu spät. Die Erwachsenen kommen schon zurück. Stumm gehen sie an dem Kind vorbei, beantworten keine seiner Fragen. „Du hast nichts verpasst, sie haben den König nicht gesehen“ sagt der Mann an der Brücke und beide wenden sich ab. Die Insel und das Schloss liegen im Dunkeln.

Als das Licht einer Hafenkneipe auf den Mann fällt, erkennt das Mädchen in ihm den König. „Kommst du nur an Weihnachten?“ „Nein, ich bin immer da. An meinem Geburtstag feiern sie mich. Sie schicken mich auf ihre kleine Insel. Sie suchen mich im Palast. Sie suchen mich bei den Lichtem, die sie selbst angesteckt haben - aber sie finden mich nicht.“ „Aber ich habe dich gefunden.“ „Ja, sag es weiter. Sag allen, es sei leicht, mich zu finden. Schon auf dem Weg.“


(Erzählt nach „Eine Insel, die sie Weihnachten nennen“
von Regine Schindler)

Über allem Aufstecken von Lichtern und Schmücken mit Glanz laufen wir Gefahr, bei der Suche ins Leere zu laufen. Den Weg dorthin, die Adventszeit, durcheilen wir in Vortrubel und Weihnachtsmarkthektik. Und eigentlich nehmen wir uns selbst, unsere Sehnsüchte und Wünsche auch nicht mit auf die Suche.

Machen wir es den Kindern in diesen Tagen nach: Lauschen wir unseren Herzenswünschen. Und bestellen wir beizeiten nicht nur unser Haus, sondern auch unser Herz. Das wird uns sagen, wie wir zu Ruhe und Frieden mit uns selbst, Anderen und Gott finden können.

Herzliche Gre Ihr Ulrich Pehle-Oesterreich

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