Advent

Einen Moment hält er inne, sein Herz klopft laut. Er stützt sich auf seinen Stock, dann drückt er die Klinke hinunter und betritt ihr Zimmer. Ein Hauch 4711 hängt in der Luft. Sie sitzt im Sessel, ihre karierte Wolldecke auf den Knien, sieht ihm mit fragenden Augen entgegen.

‚Hallo mein Schatz‘, sagt er, ‚wie geht es dir?‘

Sie sieht ihn angestrengt an, als müsse sie weit zu-rückgehen in der Erinnerung. Er nimmt ihre Hand, streichelt sie. Ohne Worte. Er hat ein Adventsgesteck mitgebracht, stellt es auf den Tisch und dazu Spekulatius. Tannenduft vermischt sich mit dem Geruch von Bienenwachskerzen.
‚Macht hoch die Tür‘, fängt er an, und singt den ganzen Vers.

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit;
es kommt der Herr der Herrlichkeit;
ein König aller Königreich,
ein Heiland aller Welt zugleich,
der Heil und Leben mit sich bringt;
derhalben jauchzt, mit Freuden singt:
Gelobet sei mein Gott, mein Schöpfer reich von Rat.

Ihre Augen glänzen, eine Träne kullert die faltige Wange hinab. Und während er tapfer weitersingt, huscht ein müdes Lächeln über ihre Lippen.
Früher hat sie das immer gern gemacht: die Wohnung adventlich geschmückt, Kekse gebacken, mit der Familie gesungen.
Er reicht ihr einen Spekulatius. Das Essen fällt ihr schwer, die Krümel fallen in ihren Schoß.
‚Weißt du noch, wie wir früher mit den Kindern um den Adventskranz gesessen haben?‘ sagt er. ‚Dein Heidesand war immer so lecker.‘ ‚Macht hoch die Tür, die Tor macht weit.‘
Er denkt daran, wie er jeden Tag vor ihrer Tür steht. Er fühlt sich oft so hilflos. Was erwartet ihn hinter der Tür?

Er ist gerecht, ein Helfer wert;
Sanftmütigkeit ist sein Gefährt,
sein Königskron ist Heiligkeit,
sein Zepter ist Barmherzigkeit;
all unsre Not zum End er bringt,
derhalben jauchzt, mit Freuden singt:
Gelobet sei mein Gott, mein Tröster früh und spat‘.

Wie gut, dass da jemand ist, der mit ihm das Zimmer betritt. Einer, der hilft und ihm das Herz stärkt. ‚Das brauche ich‘, denkt er, ‚und meine Frau braucht das auch. Das verbindet uns miteinander.‘
Dann nimmt er die Streichhölzer und zündet die Kerzen an. Zwei Kerzen für den zweiten Advent.
‚Eine für dich und eine für mich‘, denkt er.

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Adventszeit!

Ihre Pastorin Antje Marklein

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