Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Weihnachten liegt schon wieder einen Monat zurück. Sicher ist nicht nur bei mir, sondern auch bei Ihnen, der Alltag wieder eingekehrt. Die weihnachtlichen Düfte sind ausgelüftet, der Baum ist abgeschmückt und die Krippe wieder eingepackt.

Ist etwas zurückgeblieben von den Geschenken, dem Licht Gottes bei den Menschen? Hat sich etwas geändert durch das Fest? Scheint etwas hinüber von dem göttlichen Schein in den Februar oder gar März? Alle Jahre wieder - nehme ich mir vor: dieses Jahr möchte ich etwas mitnehmen - ein kleines Licht nur - das ich mir immer wieder vor Augen halte. Vielleicht kann so mein Alltag weihnachtlicher, wärmer, zugewandter sein. Weil ich mich als reich beschenkt erlebe Tag für Tag und weil ich von dem Selbsterfahrenen etwas abgebe, wie es die Kerze in der nachfolgenden Geschichte tut.

Das Gespräch verlosch, das Schweigen wuchs, nicht bedrohlich, wie Stille sein kann, sondern mehr wie der Wind sich legt, weil er müde wurde und nun dem Gras das Atmen gönnt. Sie saß vor der Kerze und sah in das Licht. Wer in das Licht sieht, gehört wohl zu den Leisen in der Welt, die sich bis heute nicht aus dem Traum vom Leben reißen lassen. Als sie so saß und sah, begann die Kerze zu erzählen: „ Du bist ein Mensch und fragst so viel, wozu es dich gibt, und was das Leben eigentlich soll? Du willst wissen und immer mehr wissen, du hinter- fragst und analysierst; du bezweifelst, was du denkst; du denkst, was du bezweifelst; du bereust, was du tust und du tust, was du bereust; du verwirfst, was du tust; und dann tust du, was du verwirfst; so beginnst du dich selbst zu bezweifeln, und hast die ständige Angst, du könntest dich verlieren."

Während dieser Worte strahlte die Kerze, und ihr Glanz verzauberte den Raum und verzauberte die Nacht. Als habe sie es gespürt, wie sie auf die Frau wirkte; denn schon sprach sie es aus: „Ihr Menschen habt auch Angst vor der Verzauberung. Ihr liebt Märchen, aber verschließt euch dem Wissen um die Geheimnisse. Ihr sucht das Fremde und verachtet das Nahe."

Die Frau saß da und dachte nach. Denn es tut gut nachzudenken, im Schimmer einer Kerze, die erzählt. „Ja", sagte sie zu ihr, „du hast recht. Ich komme mir verloren vor und habe den Eindruck, keinen Schritt weiterzukommen, ich grüble und weiß dann nicht weiter; ich treffe Entscheidungen und stehe nicht zu den Folgen."

„Genauso ist es", meinte die Kerze, „ ihr Menschen habt eine große Angst: Es ist die Angst vor der Freiheit! Deswegen richtet ihr euch ein in den kleinen und großen Gefängnissen der Bedingungen."

„Du hast wahrscheinlich auch hierin recht", erwiderte die Frau, „aber ich weiß eben nicht, wie ich mein Leben zur Freiheit verändern kann?"

„Siehst du: Ich bestehe aus Wachs und aus Docht. Aber das ist noch gar nichts. Erst wenn ich mich entzünden lasse, werde ich zum Licht und bin fähig zu strahlen, zu wärmen und zu leuchten. In dem Maße, wie ich es tue, verzehre ich mich und verlösche am Ende, weil ich brannte. Nur wer sich preisgibt, hat Erfüllung. Wer sich für das Leben entzünden lässt, ist frei."

„Danke!", sagte die Frau. „Danke!"

(„Die Kerze" in: Peter Spangenberg „Dem Himmel auf der Spur")


Frei sein, für das Leben brennen - das ist doch nicht auf Weihnachten beschränkt, ganz im Gegenteil - warum also nicht mit Hilfe einer Kerze Weihnachten auf der Spur bleiben?

Ihr Ulrich Pehle-Oesterreich

Seitenanfang