Liebe Leserinnen und Leser,

ich erinnere mich gut: Anne und Rieke sitzen in ihrer Kinderkarre, wir nähern uns der Fleisch- und Wursttheke im Laden. Ich habe noch kein Wort gesagt, keine Bestellung aufgegeben, da wird eine lange Gabel über die Theke gereicht, vorn ist ein Stück Mortadella aufgespießt. „Magst du?“ wird eine meiner Töchter gefragt – und schon verschwindet die Wurstscheibe im Mund. Dann das gleiche noch einmal für die andere Tochter. Genüsslich wird gekaut. Ich warte. Da muss doch noch etwas kommen? Nichts. Ich werd ungeduldig und frage: „Was sagt man?“ „Danke“ nuscheln sie, während sie zu Ende kauen.

Solche oder ähnliche Szenen kann man immer wieder beobachten. Scheinbar nehmen Kinder es als selbstverständlich hin, etwas geschenkt zu bekommen.

Sich zu bedanken müssen sie erst lernen. Wir Erwachsenen spüren im Laufe unseres Lebens, dass es ganz und gar nicht selbstverständlich ist, alles zum Leben notwendige in ausreichendem Maß zur Verfügung gestellt zu bekommen. Und bei manchem wächst das Bedürfnis, sich dafür zu bedanken.

Andere brauchen eine Erinnerungshilfe: Das Erntedankfest zum Beispiel. Es sagt uns: „Du bist beschenkt. Für dich wird gesorgt – das ist nicht selbstverständlich.“

Denn Kartoffeln und Karotten. Äpfel und Birnen, der dicke Kürbis, Brot und Weintrauben, nicht zu vergessen all die schönen Blumen – vieles von dem, was zum Erntedankfest an Gaben rund um den Altar aufgebaut wird, führt uns vor Augen: Dein Tisch ist gedeckt mit allem, was du zu deinem Leben brauchst. Und weit darüber hinaus.

Gelegenheit nach zu denken, unserer Dankbarkeit Raum zu geben.

Auch für das, was über unsere unmittelbaren Lebensmittel hinausgeht. Ich denke an die lieben Menschen an unserer Seite, die Morgen für Morgen wie selbstverständlich neben uns aufwachen. Ich denke an die Arbeitsstelle, die Rente, die Krankenversicherung, die Freunde…All das ist genauso wenig selbstverständlich wie Sonne, Wind und Regen, die wachsen und reifen lassen, wovon wir uns dann ernähren.

Und so gehe ich zum Erntedankfestgottesdienst, um „danke“ zu sagen. Denn für mein Leben ist von Gott gesorgt.

Ihr Ulrich Pehle-Oesterreich


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