Advent

Sie holt sie nur einmal im Jahr hervor. Dann geht sie in den Keller, zieht den alten grauen Pappkarton hervor und holt das gute Stück heraus. Zwischen Holzwolle und Zeitungspapier liegt sie da. Vorsichtig nimmt sie jedes einzelne Teil auf die Hand, streift etwas Staub ab. Auf dem Weg zurück in die Wohnung überlegt sie auf jeder Treppenstufe einen neuen Platz, an dem sie in diesem Jahr zu sehen sein soll. Am Ende steht die Krippe da, wo sie immer stand. Sie erinnert sich, wie aufgeregt sie als Kind war, wenn die ganze Familie vor dem ersten Advent den Stall aufgebaut hat. Nach und nach wurden dann die Figuren dazu gestellt. Zuerst der Verkündigungsengel. Maria und Josef, die immer näher heran gerückt wurden und schließlich an der Krippe ankamen. Dann die Gäste des neugeborenen Jesus-Kindes, Hirten und Könige. Stück für Stück wuchs so über die Adventszeit die Krippenszene, entwickelte sich geheimnisvoll weiter, bis zu Weihnachten das ganze Wunder zu sehen war. Ja, so war das, denkt sie. Wirklich ein Wunder, nach dem langen Warten durch die Adventszeit konnte ich immer wieder darüber staunen.

Am Anfang eines neuen Kirchenjahres steht – das Warten. Vier Wochen lang, vom ersten Advent bis zu Weihnachten. Und wie kaum eine andere Zeit im christlichen Jahreskreis hat sich der Advent in den Alltag eingeprägt – bis unsere Wohnungen hinein. Eine Krippe, eine Kerzenpyramide, ein Herrnhuter Stern oder ganz einfach ein Tannenzweig: Oft gibt es so einen anschaulichen Adventsbegleiter, dem wir nur in dieser Zeit einen Platz in unseren vier Wänden einrichten.

Das passt so: Denn im Advent warten wir, dass Gott selbst einzieht in unsere Herzen und Häuser. Rührend und manches Mal unbeholfen werden die Bemühungen wirken, mit denen wir uns darauf einstimmen. Aber ob Kitsch oder Kunst – das spielt keine Rolle für den, der da zu uns auf dem Weg ist. Wir sind ihm gut genug.

Ein besonderes Bild für das Warten im Advent hat der Erzieher und Theologe Johann Hinrich Wichern erfunden. 1839 baute er den ersten Adventskranz und hängte ihn in den Speisesaal seines Hamburger Hauses für verwaiste Jungen. Wagenradgroß und mit einer kleinen Kerze für jeden Wochentag, zählten die Kinder an den großen Kerzen von Adventssonntag zu Adventssonntag – und warteten.

1995 kam aus Hamburg ein neuer Impuls: Der „Andere Advent“, ein Kalender mit Texten, Bildern und Gedanken für diese besondere Zeit, antwortete auf eine neu erwachte Sehnsucht. Der Wunsch ist groß, den Advent mit ganz eigenem Charakter zu erleben. Das Warten neu zu entdecken, vielleicht das Staunen wieder zu lernen.

Advent lebt von dem Vertrauen, dass sich unsere Sehnsucht erfüllt. An der Krippe berühren sich Himmel und Erde. Gott kommt in unsere Welt, schutzlos und verletzbar wie jeder von uns. Jesus, so hat Maria ihr Kind genannt, denn der Engel der Verkündigung hatte es ihr so geboten. Jesus heißt: Der Herr hilft. Viele weitere Namen haben die Menschen ihm später gegeben. Licht, Retter, Befreier gehören zu den schönsten. Ein Traum wird wahr, nicht nur für Hirten und Könige.

Ihre Pastorin Stefanie Arnheim

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