Der Tod Jesu: Wie deuten wir ihn?

In den Tagen vor Ostern denken wir Christen an das Leiden und Sterben Jesu am Kreuz. Der Kreuzestod Jesu ist das sicherste Ereignis, das wir aus seinem Leben wissen. Aber welche Deutung dieses Todes lässt sich mit unserem Glauben vereinbaren?
Die älteste und bekannteste Deutung ist die sogenannte ‚Sühnopfertheorie‘: Jesus sei nach Gottes Ratschluss am Kreuz für unsere Sünden gestorben. Als ‚Lamm Gottes‘ habe er unsere Schuld auf sich genommen und gesühnt.
Immer schon wurde diese Theorie hinterfragt: Hat Gott es nötig, solch ein grausames Opfer zu fordern?
Die Sühnopfertheorie ist eine mögliche Deutung des Todes Jesu, aber sicher nicht die einzige und m. E. nicht die wichtigste. Ich weiß wohl: Es ist für Viele existenziell bedeutsam, diese Deutung zu glauben. Und solange sie sie nicht für allen Glaubenden verbindlich machen wollen, spricht nichts dagegen!

Eine zweite Deutung stellt fest: Das vorbildliche Leben Jesu ist am Kreuz gescheitert. Diese Meinung vertreten vor allem ‚Gegner‘ des christlichen Glaubens, verbunden mit der Überzeugung, dass wer in der rauen Welt so idealistisch lebt, nur scheitern kann.

Eine dritte Deutung versteht das Kreuz Jesu als Höhe- und Endpunkt eines Lebens voller Gottvertrauen. Jesus habe – auch in Schmerz, Leid, Verfolgung und Spott – an seinem Gottvertrauen unerschütterlich festgehalten, bis er zuletzt am Kreuz sagte: ‚In deine Hände befehle ich meinen Geist!‘: In diesem unbeugsamen Gottvertrauen habe er uns vorgelebt, wie man gottwohlgefällig leben kann, voller Liebe, Barmherzigkeit und Vergebung.

Die vierte Deutung erklärt das Kreuz Jesu als Erweis des leidenden, ja mitleidenden Gottes. Gott sei nicht fern von uns, sondern er leide an der Welt und mit der Welt. In Jesus solidarisiert sich Gott mit dieser Welt, weicht auch dem Tod nicht aus, sondern macht das ganze Leid der Menschen auch zu seinem Leiden. So dürfen Menschen Gott in ihrer Not an ihrer Seite glauben.

Wenn ich auch aus Verbundenheit mit Anderen weiter ‚Christe du Lamm Gottes‘ singe, so finde ich mich doch am ehesten in dieser letzten Deutung wieder: Jesus am Kreuz, ohnmächtig und doch voller Gottvertrauen, ein sichtbares Zeichen von Gottes Liebe und Solidarität. Mit dieser Deutung in meinem Glaubensgepäck bekomme ich Kraft und Mut für ein Leben in unbeugsamem Gottvertrauen. Mit dieser Deutung im Gepäck gehe ich getrost und unbeirrt durch die Karwoche, nehme das Leid der Menschen wahr und ernst und weiß es zugleich getragen und umgeben vom liebenden, solidarischen Gott an meiner Seite.

Ich wünsche Ihnen, dass auch Sie getragen sind von diesem Gottvertrauen, in der Karwoche und darüber hinaus!

Ihre Pastorin Marklein

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