Liebe Leserinnen, liebe Leser,

der Wecker klingelt. Zwanzig vor sieben. Ich recke mich, reibe mir die Augen, stehe auf. Ich tappe rüber zum Zimmer meiner Tochter. „Aufstehen – die Schule ruft“.

Ich geh weiter ins Badezimmer. Im Vorübergehen ein Blick in den Spiegel. „Wer ist das denn?“ Aus müden, verquollenen Augen schaut mich da jemand an. „Das kann doch nicht ich sein, so seh' ich nicht aus, nein,“ denke ich und wende mich ab.

Das Erschrecken am Morgen beim Blick in den Spiegel. Wer kennt das nicht. Aber so muss der Tag ja nicht weitergehen. Erst einmal duschen, dann sieht die Welt, dann sehe ich schon ganz anders aus.

Was aber, wenn nicht? Wenn das einer von den Tagen ist, wo man sich selbst nicht erkennt, sich nicht versteht – und mit den anderen auch nicht klar kommt.

Dann brauch ich den Kick von außen.

Dann brauche ich den liebevollen Blick von außen.. Manchmal stupst mich meine Frau an, manchmal eine meiner Töchter. „Sag mal, was ist dir denn für eine Laus über die Leber gelaufen? So kenn ich dich ja gar nicht.“

Ich schau in ihre Augen und spüre: Du meinst es gut mit mir. Du tust mir gut. Manchmal aber gehe ich in dieser Stimmung spazieren. Und mitten hinein in mein mit-mir-selbst-Fremd-sein höre ich einen Vogel zwitschern. Ich gehe weiter und rieche nun auch den Duft der Heckenrosen. Langsam wird mir immer wärmer, denn nun kann ich auch die Sonnenstrahlen spüren, die meinen Rücken bescheinen. Das tut mir gut.

Manchmal höre oder lese ich: Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und vielleicht ist es daher auch mal wieder an der Zeit, barmherziger mit mir umzugehen, im Guten wie im Schlechten. Dann ist es gut, mich und mein Leben im Licht der Gnade Gottes zu sehen. Ich bin, wie ich bin – und Gott steht zu mir.

Die Welt ist nicht besser – und ich bin es auch nicht – aber ich schau mit anderen Augen.

Ihr Pastor Ulrich Pehle-Oesterreich

Seitenanfang