„Lieber Gott, mach mich fromm,

dass ich in den Himmel komm.“

Wann habe ich dieses kindliche Abendgebet das erste Mal gehört? Ich weiß es nicht mehr. Sicher ist, dass ich es als Kind oft gebetet habe. Oder besser gesagt: Meine Mutter hat es mit mir gebetet, bevor sie das Licht in meinem Kinderzimmer ausgemacht hat. Und ich kann mich noch gut erinnern, was ich dabei gefühlt habe: Wärme, Geborgenheit, Vertrauen. Meine Mutter hat nicht aus pädagogisch-bildungsbürgerlichen Motiven heraus mit mir gebetet. Sie hat es ernst ge-meint. Sie wollte, dass Gott mich behütet und dass ich tatsächlich irgendwann einmal in den Himmel komme. Und diesen sorgend-liebenden Ernst habe ich gespürt.

"Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm". Wenn ich spät in der Nacht das Licht ausmache, bete ich diesen Vers manchmal ganz unwillkürlich. Nicht mehr laut, wie als Kind, jetzt denke ich ihn laut. Jedes Mal schießt mir danach durch den Kopf: Mensch, Johannes, das ist ein Kindergebet! Und dann: Na und? Heißt es nicht in der Bibel "wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen" (Matthäus 18,3)?

In diesem Zwiegespräch mit mir selbst folgt meist noch ein theologischer Abschnitt: "mach mich fromm" - das ist zweifellos die Rechtfertigungslehre in Kurzform. Nicht wir selbst machen uns gerecht vor Gott. Er hat das für uns getan. Wahrscheinlich hat meine pietistische Mutter nur auf das Wörtchen "fromm" geschaut, als sie mir das Gebet beigebracht hat, denn sie wollte zweifellos, dass ich so richtig fromm werde. Dabei hat sie gar nicht gemerkt, dass sie mir mit diesem Vers die lutherische Rechtfertigungslehre eingeimpft hat. Was für ein befreiender Gedanke: keine Bußübung, keine Anstrengung kommt an die schlichte Bitte dieses Gebetes heran: "MACH mich fromm!"

Johannes Neukirch

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