Selbstlos

Eines der Lieblingsbücher unserer Kinder war ein Bilderbuch mit dem bekannten Gedicht:

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
ein Birnbaum in seinem Garten stand,
und kam die goldene Herbsteszeit
und die Birnen leuchteten weit und breit,
da stopfte, wenn’s Mittag vom Turme scholl,
der von Ribbeck sich beide Taschen voll,
und kam in Pantinen ein Junge daher,
so rief er: „Junge, willste ‚ne Beer?“
Und kam ein Mädel, so rief er: “Lütt Dirn,
kumm man röwer, ick hebb ‚ne Birn.“

Vor meinem inneren Auge sehe ich Herrn von Ribbeck am Lattenzaun stehen. Der Zaun umgibt einen park-ähnlichen Garten mit dem Birnbaum in der Mitte. Ein Feldweg führt den Zaun entlang. Und das Mädchen, das da entlang schlendert, in der stillen Hoffnung, eine Birne zu bekommen: das bin natürlich ich. Welche Freude, etwas geschenkt zu bekommen. Und auch der Geber freut sich. Deshalb stelle ich mir Herrn von Ribbeck als zufriedenen Menschen vor.

Fast möchte ich sagen: wo ist diese schöne Zeit geblieben? Wo jemand selbstlos etwas verschenkt – und mit diesem kleinen Geschenk einer Generation von Kindern zugleich eine große Lebensweisheit vermittelt? Schon Fontane wusste davon, dass die ‚wirkliche‘ Welt doch härter ist. Er beschrieb in seinem Gedicht den Sohn des Herrn von Ribbeck als geizig:

Der neue freilich, der knausert und spart,
hält Park und Birnbaum strenge verwahrt.

Knausern und sparen – das ist heute die Devise, Die Notwendigkeit zum Sparen betonen Politiker/innen fast aller Parteien – und die Kirchenleitungen ebenso. Und es trifft oft die Falschen, die, die ohnehin wenig haben und am Rand leben.

Ist Fontanes Gedicht ein Gegenbild zum Sparen? Für mich ist es eine Ermutigung, auf das kostbare Kleine zu schauen, mit dem ich Großes bewirken kann. Eine Birne verschenken – was ist das schon? Die Bedeutung kann gar nicht groß genug gedacht werden!
Als der alte von Ribbeck stirbt, da bittet er darum, man möchte eine Birne mit in sein Grab legen. Die Jahre vergehen, und schließlich wächst ein neuer Baum aus der Frucht. Und wenn die Kinder über den Friedhof gehen, dann ist es, als hörten sie aus dem Baum: „Kumm man röwer, ick gew di ‚ne Birn.“

Ich gebe die Hoffnung nicht auf: dass auch in den Zeiten des Sparens etwas Neues heranwachsen kann; etwas, das die Großzügigkeit zurückkehren lässt. Vielleicht sollten wir geduldiger sein?

Ihre Pastorin Antje Marklein

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