„Der einsame Baum“

Der einsame Baum

Vor kurzem war ich einen Tag in Berlin, einfach so zur Erbauung von Leib und Seele.

Nach dem Besuch der neuen Synagoge an der Oranienburger Straße und vielen historischen Fragen von warum, Verstrickung, Machtstreben und Schuld ließ ich mich treiben von Gemälde zu Gemälde in der Alten Nationalgalerie auf der beeindruckenden Museumsinsel ganz im Schatten des Berliner Doms. Oft geht es mir so, dass man einige Kunstwerke als bekannt einstuft und dann überrascht überwältigt vor dem Original steht. Und so blieben meine Gedanken an diesem Tag an dem Bild „Der Einsame Baum“ von Caspar David Friedrich (1774 – 1840) oder eigentlich an der Bildkomposition von dem einsamen Baum und dem „Mondaufgang am Meer“ hängen. Per Kopfhörer und Audio-Gerät gibt es dann in vielen Sprachen, für jede und jeden in der Muttersprache, an ausgewählten Kunstwerken die Interpretation.

Das Ölgemälde aus dem Jahr 1822, der Zeit der Romantik, stellt eine Landschaft mit einem alten Baum dar, der in der Mitte das Bild bestimmt. Eine knorrige Eiche steht hier mitten in einer Ebene, das Land hinten wird von der Sonne erhellt, vereinzelt sind Häuser und eine Kirchturmspitze zu sehen. Ein Hirte mit seiner Schafherde belebt das Bild, er findet Schutz unter dem Baum. Die Eiche im Zentrum des Bildes durchschneidet allen Hintergrund. Mit der abgestorbenen Spitze weist sie in den Himmel, aus den zwei oberen Querästen ließe sich auch ein Kreuzzeichen erkennen, ein Symbol, das Caspar David Friedrich mehrfach ins Zentrum seiner Bilder stellte. Der Baum wird so zum Mittler zwischen Himmel und Erde. Es finden sich Interpretationen des Bildes, die es als eine Allegorie auf die politischen Zustände deuten. Andere sehen in der mächtigen Eiche einst den heiligen Baum der Germanen.

Für mich spricht das Bild auch in unsere Zeit. Sicher sehnen wir uns nach den Wintermonaten, auch wenn sie nicht so kalt waren, nun nach dem aufkommenden Grün mancher Bäume in der Eilenriede. Aber dieses Bild spricht für mich noch tiefer in die Gedanken, wenn wir auf das Ende der Passionszeit zugehen und dann auf Ostern warten. Wie die oberste Spitze des Baumes auf dem Bild abgebrochen ist, wie vielleicht auch in uns die größten Hoffnungen enttäuscht sind, so steht doch die fest im Boden verwurzelte Eiche voller Lebenskraft und Stärke. Und das wünsche ich mir auch für unseren Glauben, dass wir – auch wenn Wünsche und Träume abbrechen – dennoch festen Grund finden.

Und schließlich bringt mich das Bild des Hirten mit seinem Schafen im Schutz des Baumes auch auf das bekannte Psalmwort „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ (Ps. 23, 1) Oder wie Christus es uns im Johannesevangelium formuliert: „Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir nach, und ich gebe ihnen das ewige Leben.“ (Joh. 10, 27)

Vielleicht hat den einen oder anderen Vers auch eine oder einer von den diesjährigen KonfirmandInnen als Einsegnungswort. Und ihnen wünsche ich natürlich auch im Besonderen diese tiefe Verankerung im Glauben.

Ihre und Eure Pastorin Elke Marx

Seitenanfang