Liebe Leserinnen, liebe Leser,

am 9. September feiern wir in Hannover die Lange Nacht der Kirchen. Zahlreiche Kirchen in der Stadt sind geöffnet, locken mit einem bunten oder meditativen, mit einem bewegten oder musikalischen Programm. Auch die Matthäuskirche macht an diesem Abend ihre Türen auf und bringt Sie in Bewegung: „Sag Ja, Sag Nein – Getanzt soll sein …“ ist der Titel des Programms.

Im Dunkel der Nacht, wenn Menschen zur Ruhe kommen, wird der Geist wach. Darum verzaubert die Nacht Menschen immer wieder: Natürlich ist nachts Zeit zum Schlafen. Aber nachts ist auch Zeit für gute Gespräche, für ein Glas Wein, für ungestörte Zweisamkeit. Die Nacht ist barmherzig, weil sie die Konturen verwischt. Manche Nacht kann aber auch lang werden: Wenn die Gedanken nicht zur Ruhe kommen und man die Stunden bis zum Morgen zählt.

Gott hat Tag und Nacht geschaffen, heißt es in der Bibel, damit das Leben einen Rhythmus hat. Gott hat Tag und Nacht geschaffen – und er ist in beidem. Er hält die Wacht, er bringt uns durch die Nacht. Er selbst ist auch im Dunkeln, manchmal ganz konkret. Die Bibel erzählt an vielen Stellen, wie Gott sich dem Menschen im Traum nähert, dann, wenn der Körper ruhig ist und der Geist wach.

So geschieht es auch Jakob, als er sich nach einer langen Wanderung müde zum Schlafen legt. Er hat einen schweren Weg hinter sich: den Vater getäuscht, den Bruder betrogen. An Stelle des Bruder ließ er sich segnen mit dem Segen des Erstgeborenen. Und dann ist er geflohen, so erzählt es die Bibel im 1. Buch Mose im 28. Kapitel. Am Abend legt er sich schlafen, aber seine Gedanken kommen nicht zur Ruhe. In dieser Nacht wandert er durch seine dunklen Träume. Sieht den zornigen Vater, den wütenden Bruder, die traurige Mutter. Doch plötzlich – woher kommen die Stimmen? Singen, Licht?

Und dann sieht er eine Leiter. Sie reicht von der Erde hinauf in den Himmel. Eine Himmelsleiter! Engel steigen auf und ab. Und eine Stimme ist zu hören: Siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo immer du hinziehst, und ich will dich nicht verlassen. Jakob wacht auf und begreift: Gottes Boten kommen vom Himmel und gehen über die Erde. Sie steigen auf und ab. Sie sind dort, wo wir sie nicht erwarten und kommen mitten hinein in die Nacht, in die Dunkelheit.

Am Ende dieser langen Nacht geht die Sonne auf. Jakob nimmt den Stein, auf dem sein Kopf gelegen hat, und baut einen Altar. Für ihn ist klar: Gott ist an diesem Ort gewesen, und ich wusste es nicht! Wie heilig ist dieser Ort! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels! Und dann zieht er seine Schuhe an und macht sich auf den Weg, hinein in den neuen Morgen. Gott geht mit ihm. Der seine Engel in die Nacht geschickt hat, bleibt auch am Tag in seiner Nähe.

Vielleicht geht auch über Ihnen der Himmel auf in der Langen Nacht der Kirchen, bei Musik, Gesprächen, in einem stillen Moment. Passieren kann es überall, dass wir das erleben: Gott ist an diesem Ort, und ich wusste es nicht!

Ihre Pastorin Henrike Müller

Seitenanfang