Leih dein Herz aus!

„Wenn du wüsstest, was ich durchgemacht habe, bei uns war es echt furchtbar…“ Solche und ähnliche Sätze habe ich in der letzten Zeit wieder öfter gehört. Die Erinnerung an das vergangene Frühjahr sitzt tief. Viele waren aus der Bahn geworfen. Kinder und Beruf in dieser Zeit unter einen Hut zu bringen, das ist ein Mammutangehen – und zwar jeden Tag. In vielen Familien lagen die Nerven blank. Und die Vorstellung, noch einmal so viel tragen zu müssen, lässt das Herz sinken. Eine Zerreißprobe auf vielen Ebenen.

Die Jahreslosung erinnert an etwas, was uns zu ei­nem neuen Umgang miteinander führen kann: Barm­her­zig­keit. Das deutsche Wort vereint zwei innere Organe, ohne die niemand von uns leben würde: Die Gebärmutter und das Herz.
„Barm“ kommt vermutlich von dem althochdeutschen Wort für „Mutterschoß“. „Ein Herz wie eine Ge­bär­mut­ter haben“ – so stelle ich mir Barmherzigkeit vor. Und so klingt für mich Gott als Mutter, als Le­bens­spen­de­rin, als Quelle alles Ewigen.
Sowieso ist die Barmherzigkeit eigentlich eine Hal­tung Gottes – und erst danach sind wir Menschen es, die wir uns darin üben sollen.
Unser Herz zu einer Ge­bär­mut­ter machen: Es ausleihen, an ein anderes Wesen, das neu geboren werden will, an einen Menschen, der Ge­bor­gen­heit und Schutz und Halt sucht. Ein Herz, das bereithält, was das Gegenüber braucht – was es auch sein mag. Für ein Baby ist die Gebärmutter Lebensort, Spielwiese, Höhle, Bett und Esstisch in einem. Wie großartig wäre es, du und ich, wir könnten das glauben: Gottes Gebärmutterherz ist unser Lebensort, unser Mutterschoß für die unruhigen Zeiten im Leben.
Und dann: Was wäre es für eine großartige Welt, in der alle Menschen ihr Herz ganz genau so bereithielten – für andere!
Ich glaube, wir kämen weniger in Versuchung, Dinge gegeneinander auszuspielen, die im Leben zusammengehören: Kirche und Kultur, Familie und Beruf, Arbeit und Freizeit, Nähe und Distanz, ich und du. Unsere Herzen wären weit genug, dass alles zusammen darin einen Platz finden könnte. Für Gespräche auf Augenhöhe.
Und wir würden wirklich MITeinander diese Krise überstehen.
Barmherzig.
Das möchte ich üben, in diesem Jahr.
AMEN.

Ihr Pastor Ulrich Pehle-Oesterreich

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