Vom Sinn, „danke“ zu sagen

„Und? Was sagt man da…!?“ Wir stehen beim Bäcker. Mein Sohn guckt mich fragend an, während meine Frage lärmend zwischen uns in der Luft hängt. Gerade ist ihm ein Milchbrötchen geschenkt worden. Ich warte und merke, wie ich einerseits hoffe, dass ihm siedend heiß einfällt, was ich meine – andererseits erinnere ich mich, wie unangenehm mir dieses Fragen meiner Mutter einst war; und dass ich es sicher nie hatte wiederholen wollen!

Das mit dem „Dankesagen“ ist so eine Sache. Da, wo ein Danke erzwungen wird, verliert es ehrlicherweise schneller seinenWert als es ausgesprochen ist (aber wie sonst bringe ich meinem Sohn das bei !?). Doch wo es unterbleibt, da hat auch das Konsequenzen. Es macht etwas mit einem, wenn man etwas abgibt und darauf null Reaktion erfährt. Jedenfalls geht mir das so. Es muss nicht immer das Wort „danke“ sein. Manchmal ist es der Blick, der verrät, dass etwas angekommen ist. Mitunter ist es ein Lächeln, dann wieder das Funkeln in fröhlichen Augen.

Mir scheint, „danke“ zu sagen ist eine Tat der Beziehung. Genauso wie es eine Beziehungstat ist, jemandem etwas zu geben: von sich selbst, von dem, was man hat, von dem, wofür man verantwortlich ist. Es geht um Beziehung! Darum, dass eine*r gibt und eine*r reagiert.

Irgendwann im Leben beginnen die meisten zu verstehen, dass es nicht selbstverständlich ist, versorgt zu werden – ob nun mit Milchbrötchen, mit sauberer Luft und Wasser oder mit einem freundlichen Wort. Die Frage ist: Wie gehe ich um mit solcher Erkenntnis? Nehme ich alles, was ich kriegen kann – soviel wie geht – und lege Scheunen an, um es zu horten? Das wäre ja eine Möglichkeit, man kann es ehrlicherweise in Betracht ziehen. Als Christ in derWelt zu leben, bedeutet für mich allerdings etwas anderes: Es heißt, Beziehung zu leben, sie auszuleben und zu stärken, wo das geht. Zu geben und zu nehmen. Deshalb ist der Erntedanktag, den ich aus Kindertagen noch immer mit prächtig geschmückten Altären verbinde, für mich ein wichtiger Feiertag. Er ruft mich zurück in dieses Beziehungsgeschehen – das sich eben auch zwischen Gott und Mensch ereignet.

Wo bleibst du mit deinem fröhlichen Herzen? Wohin wendest du dich, wenn mitten im Alltag die kleinen Überraschungen dir zauberhafte Augenblicke schenken? Die tanzenden Sonnenflecken auf dem Waldboden in der Eilenriede; der mystische Nebel überm Mittellandkanal; der Geruch, der für Sekunden aus der Backstube über den Gehweg zieht und deine Nase verwöhnt… Ich bin froh, neben all den anderen freundlichen Menschen um mich herum einen weiteren großen Adressaten zu haben, dem ich „danke“ sagen kann. Und ich bin froh, dass es diese Erinnerungstage im Kirchenjahr gibt. Denn oft genug vergesse ich all das. Bis ich erneut drüber stolpere. Am 3. Oktober ist Erntedank! Übrigens: natürlich dauerte es gar nicht lang, bis mein Sohn tat, was er tun sollte. „Danke!“, sagte er und guckte schüchtern. „Siehst du, geht doch!“ Wirklich, es rutschte mir heraus – und ich biss mir umgehend auf die Zunge. Ich hatte nie so werden wollen…

Marco Müller

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